Wie ich im Oktober letzten Jahres schon schrieb, war Gwent das einzige Spiel, auf das ich mich so richtig gefreut habe. Nun habe ich es einige Male spielen können und möchte euch mein Feedback hierzu geben. Ich möchte aber deutlich darauf hinweisen, dass dies keine objektive Review ist, da ich dafür meiner Meinung nach viel zu wenige Partien gespielt habe und auch viel zu sehr Fan des Witcher-Franchises bin.
Titel: GWENT: Das legendäre Kartenspiel
Autor: CD Projekt, Rafal Jaki, Damien Monnier
Illustration: CD Projekt
Verlag: No Loading Games (Original), Asmodee (DE)
Erscheinungsjahr: 2025
Spieleranzahl: 1-5
Spieldauer: 20 Minuten
Altersempfehlung: ab 14 Jahren
Mechaniken: Deckbuilding, Kartenmanagement
Komplexität: gering bis mittel

Der Hintergrund
Das Kartenspiel GWENT ist eine mehr oder weniger 1 zu 1 Umsetzung des Minispiels aus dem Videospiel „The Witcher 3: Wild Hunt“ aus dem Jahr 2015. Das Videospiel basiert wiederum auf der Hexer-Saga des polnischen Fantasy-Autors Andrzej Sapkowski. Vielen ist das Franchise sicherlich auch durch die sehr erfolgreiche Netflix-Adaption ein Begriff.
Warum ist das Kartenspiel nun so wichtig für mich, sodass ich hier meinen Senf dazu abgeben möchte? Kurz gesagt, ist das Videospiel „The Witcher 3: Wild Hunt“ in meinen Augen ein nahezu perfektes Rollenspiel, welches einen unter anderem durch die Spielwelt an sich an den Bildschirm fesselt. Ein immer wiederkehrender Teil dieser Spielwelt ist, dass in nahezu jeder Stadt und eigentlich in jeder Taverne Gwent gespielt wird und man sich abseits der Story mit den lokalen Kartenspielgrößen messen kann. Im Videospiel werden die gegnerischen Kartendecks immer stärker, sodass man sein eigenes Deck ständig an den jeweiligen Gegner anpassen muss. Da man zu Beginn nur ein sehr kleines Kartendeck hat, muss man sich zwangsweise im Laufe des Spiels neue Karten kaufen oder findet diese beim Erkunden der Spielwelt. Kommt euch diese Mechanik irgendwie bekannt vor? Genau, CD Projekt hat in ihrem Rollenspielepos ein waschechtes Trading Card Game eingebaut, mit eigenen Regel und der Möglichkeit neue Karten zu erhalten und sein Deck aufzubauen.
Das sie hiermit einen Volltreffer gelandet haben, kann man daran erkennen, dass kurz darauf das Spiel „Thronebreaker: The Witcher Tales“ erschien, in dem die Hauptmechanik das Kartenspiel Gwent ist. Zusätzlich erschien auch eine digitale Variante des TCGs.
Alleine aus diesen Gründen ist es mir immer noch schleierhaft, warum es 10 Jahre brauchte, bis wir eine analoge Version des Spiels bekommen haben.
Das Spielprinzip
Es handelt sich um ein rundenbasiertes, strategisches Kartenspiel zwischen in der Regel 2 Personen. Ich schreibe hier „in der Regel“, da es Spielvarianten für bis zu 5 Personen gibt. Die Kontrahenten treten in klassischer best-of-three-Manier mit zuvor erstellten Kartendecks gegeneinander an. Ein Deck besteht aus mindestens 22 Karten und das Ziel des Spiels ist es, durch das Ausspielen von Einheiten und Spezialkarten mehr Punkte als der Gegner zu erreichen. Die erreichten Punkte sind auf den jeweiligen Karten aufgedruckt.
Nun kommen wir jedoch zur Besonderheit von Gwent. Zu Beginn der Partie zieht jeder Mitspielende 10 Karten, von denen er bis zu 2 ablegen kann um dieselbe Anzahl an Karten neu zu ziehen und das war’s. Mit diesen 10 Karten werden die maximal 3 Runden gespielt. Es gilt also gut mit seinen Karten zu Haushalten und sein Deck so anzupassen, dass man aus diesen 10 Karten das bestmögliche heraus holt.
Hierbei helfen einem die verschiedenen Fähigkeiten der Karten. Beispielsweise ermöglichen es Spione neue Karten zu ziehen. Der Nachteil ist aber, dass der Spion in die Reihen des Gegners gespielt wird und somit diesen ebenfalls verstärkt. Außerdem ermöglichen es andere Karten das zusätzliche Karten aus der Hand oder dem Deck auszuspielen. So ergeben sich Kombinationen um bestenfalls weitaus mehr als die 10 gezogenen Karten auszuspielen und den Gegner zu besiegen.
Das Spielfeld und die Möglichkeit dieses zu modifizieren
Wenn man zum Spielen den beigefügten Spielplan nutzt, erkennt man, dass dort vor jedem Spielenden 3 verschiedene Reihen aufgedruckt sind. Die Einheiten im Deck haben verschiedene Reichweiten und müssen dementsprechend in die jeweilige Reihe gelegt werden. Frontkämpfer kommen Beispielsweise in die Nahkampfreihe, Ballisten werden wiederum in der Belagerungsreihe ausgespielt.
Da es am Ende nur um die erreiche Punktzahl geht, ist es erst einmal zweitrangig welche Reihen man mit seinen Karten bedient. Jedoch können diese Reihen durch Spezialkarten im positiven und negativen Sinne modifiziert werden. Spielt man beispielsweise das „Horn des Kommandanten“ auf die Nahkampfreihe, wird die Punktzahl aller dort liegender Einheiten verdoppelt. Gleichzeitig kann man den Kontrahenten schwächen in dem man durch das Ausspielen von „Extrem dichter Nebel“ die Stärke aller Fernkampfeinheiten auf 1 setzt.
Ein Fokus auf eine bestimmte Reihe kann somit zu sehr vielen Punkten führen, birgt aber gleichzeitig die Gefahr, dass alle Einheiten geschwächt werden.
Die Fraktionen
In anderen TCGs entscheidet man sich z.B. für ein Deck einer oder mehrere bestimmter Farben. In GWENT wird dies durch die 5 verschiedenen Fraktionen abgebildet. Wie auch bei der Farbauswahl bestimmt die Wahl der Fraktion darüber, wie das eigene Deck aufgebaut ist und welche Strategie man mit dieser Fraktion verfolgt.
Für den Überblick möchte ich hier kurz die verschiedenen Fraktionen mit ihren Eigenheiten auflisten.
- Monster
- Die Monster verlassen sich stark darauf die Fähigkeit „Musterung“ zu nutzen und so möglichst große Horden von Einheiten auf das Spielfeld zu bekommen.
- Nilfgaard
- Das Kaiserreich Nilfgaard versucht durch den Einsatz von Spionen und Heilern einen kontinuierlichen Nachschub an Karten aufrecht zu erhalten.
- Nördliche Königreiche
- Die nördlichen Königreiche haben viele Einheiten, die sich auf dem Spielfeld gegenseitig verstärken.
- Scoia’tael
- Die rebellischen Scoia’tael besitzen die Fähigkeit „Gewandheit“ dies ermöglicht es ihnen sowohl in der Nahkampfreihe, als auch in der Fernkampfreihe ausgespielt zu werden und biete somit ein hohes Maß an Flexibilität.
- Skellkige
- Die Einheiten der Skellige haben die Fähigkeit ihr inneres Monster zu wecken, um sich in mächtige Einheiten zu verwandeln.
Zu den Spielkarten muss ich an dieser Stelle aber einen negativen Punkt erwähnen. Leider sind bei der deutschen Übersetzung ein paar unschöne Fauxpas durchgegangen, die den Spielfluss nicht unerheblich stören und unnötig zu Regeldiskussionen führen. Deshalb möchte ich 2 Beispiele nennen, die meiner Meinung nach die größten Probleme erzeugen können. In der deutschen Regel der Karte „Horn des Kommandanten“ steht, dass die Stärke aller Einheitenkarten verdoppelt wird. Da auch die sehr starken Helden als Einheitenkarten gelten, kann hier ein fataler Regelfehler entstehen. Richtig wäre nämlich, dass alle „Nicht-Helden-Einheiten“ verdoppelt werden. So steht es auch in der englischen Regel. Weiterhin wurde beim Übersetzen der Fähigkeit „Musterung“ nicht sauber übersetzt. In der Regel und auf den Hilfekarten steht „…aus deinem Deck UND deiner Hand…“. Auf der jeweiligen Einheitenkarte steht jedoch „…aus deinem Deck ODER deiner Hand…“. Bei der Fähigkeit macht dies jedoch einen gravierenden Unterschied.
Diese unschönen Fehler bei der Übersetzung sind zwar kein Beinbruch für das Spiel an sich, können aber zu vielen Diskussionen führen und die Partien unnötig in die Länge ziehen.
Warum die Ausgangsfrage TCG, ohne TCG zu sein?
Nun, laut Definition ist ein Trading Card Game, oder auf deutsch ein Sammelkartenspiel, ein Kartenspiel bei dem wir Karten sammeln, tauschen und strategisch gegeneinander einsetzen. Die Spielenden erstellen sich individuelle Decks aus den gesammelten Karten um ihre ganz eigene Strategie zu verfeinern. So gut, so bekannt.
Bei GWENT müssen wir jedoch den Sammelfaktor komplett ausklammern, da wir im bisher erschienenen Grundspiel alle 5 Fraktionen mit ihren jeweils Rund 80 Karten enthalten haben. Man kann sich somit keine neuen Karten kaufen oder ertauschen und muss sein Deck nicht mühselig zusammensammeln. Alle anderen Teile der Definition stimmen jedoch mit GWENT überein. Wir bauen uns im optimalen Fall eigene Decks, passen unsere Strategie an das Deck des Gegners an und duellieren uns anschließend.
An dieser Stelle stoßen wir jedoch auf das in meinen Augen größte Problem bei GWENT. Beim Videospiel gehörte das ständige verbessern des Decks mit zum Spielerlebnis und so konnte man nach und nach an seinem Deck feilen und schleifen. Das analoge Kartenspiel ist aber durch die Komplettbox darauf ausgelegt, direkt los zu spielen. Besonders gut geeignet sind hierfür die bereits vorgeschlagenen Starterdecks, welche jeweils mit einem kleinen Sternchen am Kartenrand markiert wurden. Diese Decks bieten pro Fraktion ein solides Deck mit dem jeder direkt an der Partie teilnehmen kann. Ähnliches kennt man ja auch bei „normalen“ TCGs bei denen man sich Starterdecks kaufen kann. Für das schnelle Spiel zwischendurch ist das sicherlich auch sehr schön, jedoch möchte sich ein alter Witcher Veteran doch sein eigenes Deck erstellen. Das ist aber in der Regel nicht möglich. Wer möchte sich denn vorher hinsetzen und lange an einem Deck basteln um dann eine kurzweilige 20-Minuten-Partie zu spielen. Für Kenner des Spiels, die genau wissen wie ihr Deck aussieht, ist das vielleicht möglich, aber sicherlich nicht für die breite Masse an die sich das Kartenspiel meiner Meinung nach wendet.
Mein zweiter größter Kritikpunkt resultiert hieraus. Wenn ich nun beispielsweise mit meinem getunten Monsterdeck gegen jemanden antrete der ein Starterdeck spielt, dann ist diese Person heillos unterlegen. Gut, an dieser Stelle sollte man sich selbst die Frage stellen, warum man dann nicht auch ein Starterdeck spielt, aber man möchte doch auch etwas neues testen und erleben.
Aus diesen Gründen kam ich auf meine Ausgangsfrage, ob dies ein TCG ist, ohne ein wirkliches TCG zu sein, oder ob es sich hierbei einfach um einen Deckbuilder handelt, der nur aufgrund der Vorlage wie ein TCG wirkt. So richtig konnte ich mir die Frage bis heute nicht beantworten, deshalb schreibt mir doch gerne mal eure Meinung zu GWENT.
Fazit
An dieser Stelle möchte ich erst einmal nur ein Fazit des Duellmodus ziehen. Da ich GWENT für ein wirklich tolles und einsteigerfreundliches Kartenspiel halte und, wie eingangs geschrieben, nicht wirklich objektiv sein kann, möchte ich auch in meinem Fazit das analoge Werk mit der Vorlage vergleichen.
Meiner Meinung nach hat no loading games hier eine sehr stimmige Portierung des digitalen Kartenspiels geschaffen. Die Karten sind toll gestaltet und das Artwork ist meines Erachtens sehr nah am Ausgangsmaterial. Ob man die Spielmatte aus Papier benötigt, oder ob die Punktetafel hierfür nicht ausgereicht hätte, darf der eigene Geschmack entscheiden. Man muss sie nicht nutzen, hat für den Fall der Fälle (gerade bei einer Erstpartie) aber eine Spielmatte dabei. Das Spielgefühl kommt, gerade bei der richtigen Hintergrundmusik, sehr nah an das Videospiel heran und weckt nach einer verlorenen Partie direkt die Lust auf einen zweiten Versuch. Vielleicht sogar mit einer anderen Fraktion, da die nötigen Karten schließlich alle in der Schachtel sind. Einziger Wermutstropfen ist für mich der fehlende Sammelfaktor, wobei ich auch nicht wüsste, ob ich hierfür Boosterpacks kaufen würde. Sicherlich wurde während der Entwicklung auch darüber nachgedacht jede Fraktion einzeln herauszubringen. Dies würde die Spielenden bestimmt dazu bringen sich mehr mit ihren Decks auseinanderzusetzen. Jedoch wäre eine komplette Sammlung dann sicherlich teurer als das jetzige Spiel. Also bin ich einfach froh darüber, dass hier nicht nur ans Geld, sondern auch an die Fans gedacht wurde. :)
Zusammengefasst kann ich GWENT: Das legendäre Kartenspiel jedem Witcher-Fan ans Herz legen, der wie ich etliche Stunden in der Taverne verbracht hat um die Questreihe zu erfüllen. Für Sammler macht sich die Box sicherlich auch ganz nett im Regal. Ob ich das Spiel jemandem empfehlen würde der absolut keine Berührungspunkte mit dem Franchise hat, weiß ich nicht. Dafür gibt es meiner Meinung nach zu viele und auch deutlich komplexere TCGs zu den verschiedensten Themen. Als schnelles Kartenspiel zwischendurch, oder als Absacker ist es aber allemal geeignet.
Ganz ohne zu meckern kann ich mein Fazit aber nicht beenden. Wie zuvor schon angerissen, können Kleinigkeiten im Balancing den Spielenden die Partien deutlich versauen. Manche Strategien, wie z.B. die deutliche Überzahl mit der die Monster auftreten, können in der Regel nur durch Wettereffekte gekontert werden. Diese Karte muss aber auch im Deck sein und passend gezogen werden. Wirkliche Duelle auf Augenhöhe kommen so nur zustande, wenn beide Seiten die Karten aller Fraktionen gut kennen. Zudem finde ich die Marker und die Punktezählweise auf der Spielmatte etwas lieblos. Was jedoch deutlich mehr zum Tragen kommt, und deshalb möchte ich das an dieser Stelle noch einmal erwähnen, sind die Übersetzungsfehler und zum Teil weggelassenen Begriffe auf den Karten und Hilfekarten. An sich sind die Hilfekarten super um sich daran zu orientieren. Wenn man dann aber als unerfahrener Spieler gesagt bekommt, dass das aber nicht stimmt was da steht, zweifelt man doch schnell am Spieldesign und legt ein eigentlich echt stimmiges Spiel schnell zur Seite. Ob es in einer zukünftigen Auflage zu einer Korrektur dieser Fehler kommt, bezweifle ich jedoch.
Spielvarianten
Der Vollständigkeit halber möchte ich zum Ende noch die Spielvarianten „Alle-Gegen-Alle“, „2 gegen 2“ und „Solopartie“ erwähnen. Da dies für mich aber nicht zum klassischen GWENT zählt und ich diese Varianten nicht sehr häufig gespielt habe, möchte ich dies aus dem eigentlichen Fazit exkludieren. Leider gefallen mir die Ansätze der Spielvarianten nicht wirklich. In einem Spiel „Alle-Gegen-Alle“ könnte sich z.B. ein Mitspielender aufgrund der Funktion seines Decks sehr schnell ins Aus katapultieren und darf dann ohne Karten zusehen, wie die anderen Personen weiterspielen. Auch der „Solomodus“ spricht mich nicht wirklich an. Hier wird das Gegnerdeck „einfach aufgedeckt“ und der Gegner zieht immer 1x mehr als man selbst. Meiner Meinung nach wird hier sehr deutlich, dass es sich eigentlich um ein Duellspiel handelt, welches um verschiedene Spielvarianten aufgebohrt wurde. Mit der richtigen Gruppe können die Varianten bestimmt Spaß machen, ich werde jedoch weiterhin lieber den Duellmodus spielen.








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