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Brettspiel Deluxe für Jedermann?

Gefühlt erscheinen immer mehr Deluxe-Auflagen von Brettspielen. Kaum hat ein Titel ein wenig mehr Aufmerksamkeit bekommen, folgt kurze Zeit später die „Ultimate Edition“ mit Metallmünzen, 3D-Gebäuden, Miniaturen in Bossgröße und einer Box, die größer ist als mein Kühlschrank. Besonders auf Plattformen wie Kickstarter oder Gamefound wirkt es inzwischen fast so, als sei „Deluxe“ nicht mehr die Ausnahme, sondern die erwartbare Standard-Eskalationsstufe.

Das ist natürlich überspitzt formuliert – aber der Eindruck drängt sich auf, wenn man durch Neuankündigungen scrollt und sich fragt, wann eigentlich die „Normal Edition“ zur mutigen Minimalvariante geworden ist.

Und nur als kleiner Disclaimer vorab, ich bin Teil dieser Entwicklung.

Was für Deluxe spricht

Zunächst einmal: Hochwertiges Material hat eine echte Wirkung. Dicke Pappmarker, individuell geformte Holzmeeple, bedruckte Ressourcen oder gar Metallmünzen steigern Haptik und Tischpräsenz enorm. Ein Spiel, das ohnehin thematisch stark ist, profitiert oft von dieser Aufwertung. Atmosphäre entsteht eben nicht nur durch Mechanik, sondern auch durch Material.

Gerade bei epischen Strategiespielen oder kampagnenbasierten Titeln können Miniaturen und 3D-Elemente das Eintauchen fördern. Wer fünf Stunden in einer Partie versinkt, freut sich vielleicht tatsächlich über detailreiche Drachen statt grauer Holzklötzchen.

Ein weiterer Vorteil ist die Vollständigkeit. Deluxe-Ausgaben bündeln häufig Erweiterungen, Promos und Stretch Goals in einer Box. Das kann langfristig sogar günstiger sein, als alles einzeln nachzukaufen – sofern man ohnehin vorhatte, alles zu besitzen. Für Sammlerinnen und Sammler bedeutet das: einmal investieren, Ruhe im Regal (zumindest theoretisch).

Auch wirtschaftlich ist das Modell nachvollziehbar. Hochpreisige Editionen ermöglichen höhere Margen und reduzieren für Verlage das Risiko. Über Crowdfunding wird die Nachfrage vorab geprüft, Produktionsmengen lassen sich besser planen. In einer Branche mit steigenden Produktions- und Transportkosten ist das kein unwichtiger Faktor.

Und ja, ganz subjektiv: Ich mag schönes Material. Ich mag es, wenn ein Spiel auf dem Tisch Eindruck macht. Ich mag das Gefühl, etwas „Besonderes“ auszupacken. Das ist irrational, aber Spiele sind eben nicht nur funktionale Objekte, sondern emotionale Erlebnisse.

Wo die Probleme liegen

So überzeugend die Vorteile wirken, so klar sind auch die Schattenseiten.

Der offensichtlichste Punkt ist der Preis. Wenn Spiele regelmäßig die 150- oder 200-Euro-Marke überschreiten, wird aus einem Hobby schnell ein Luxussegment. Das kann abschreckend wirken – insbesondere für Neulinge. Brettspiele waren lange ein vergleichsweise niederschwelliges Hobby. Diese Zugänglichkeit darf nicht verloren gehen.

Hinzu kommt der psychologische Druck. Limitierte Kampagnen, exklusive Inhalte, „nur während der Kampagne verfügbar“-Boxen – das alles spielt mit FOMO. Man kauft nicht nur, weil man es braucht, sondern weil man Angst hat, es nie wieder zu bekommen. Rational betrachtet weiß man das. Emotional klickt man trotzdem auf „All-In“.

Ein weiterer Aspekt ist die Überproduktion. Mehr Plastik, größere Boxen, aufwendigere Inserts – das alles bedeutet mehr Ressourcenverbrauch. Während Nachhaltigkeit gesellschaftlich immer wichtiger wird, wirkt die Flut an Miniaturen nicht immer zeitgemäß. Manchmal hat man das Gefühl, dass Komponenten produziert werden, nur weil sie sich gut in der Kampagnenvorschau drehen lassen.

Auch spielerisch ist „mehr“ nicht automatisch „besser“. 3D-Gelände kann die Übersicht verschlechtern, Miniaturen können funktionale Klarheit ersetzen, riesige Boxen passen nicht ins Regal. Und wer sein Spiel mit zur Spielegruppe nehmen möchte, braucht unter Umständen schon fast ein eigenes Transportkonzept.

Ein oft unterschätzter Punkt ist zudem die Verschiebung der Wahrnehmung. Wenn Content Creator fast ausschließlich die Deluxe-Version zeigen, entsteht schnell der Eindruck, dies sei die „echte“ Version. Die Standardausgabe wirkt dann wie eine abgespeckte Sparlösung – obwohl sie inhaltlich meist völlig ausreicht.

Subjektiv irritiert mich vor allem, wenn spielmechanisch irrelevante Komponenten als essenziell vermarktet werden. Nicht jede Ressource braucht eine individuell geformte Miniatur. Manchmal reicht ein Holzklotz. Und ja, ich weiß, dass ich das sage, während ich gleichzeitig Metallmünzen ziemlich cool finde.

Dann ist da noch das Big-Box-Dilemma. Gerade bei Spielen mit vielen Erweiterungen scheinen Big-Boxen oft die Lösung für mehr Übersicht und gegen Platzmangel zu sein. Im Regal und aus Sammlersicht ist dies unstrittig. Jedoch ist es häufig auch so, dass Spiele dadurch oftmals schwieriger auf den Tisch zu bekommen sind. Material muss ggf. getrennt werden, man benötigt einen größeren Tisch und Mitspielende werden abgeschreckt.

Zwischen Luxus und Lifestyle

Deluxe-Editionen sind außerdem Ausdruck einer Sammlerkultur. Spiele werden nicht nur gespielt, sondern kuratiert, präsentiert, inszeniert. Regale werden zu Vitrinen. Das ist legitim – aber es verschiebt den Fokus ein Stück weit vom Spielen hin zum Besitzen.

Gleichzeitig darf man nicht vergessen: Für viele ist genau das Teil des Hobbys. Andere sammeln Schallplatten in limitierten Pressungen oder Sneaker in Sondereditionen. Warum also nicht auch Spiele in luxuriöser Ausführung? Problematisch wird es erst, wenn Besitz über Teilnahme gestellt wird.

Ein weiterer positiver Punkt: Deluxe-Versionen können Second-Hand-Märkte beleben. Wer sich später doch trennt, findet für hochwertige Editionen oft leichter Abnehmer. Auch das relativiert den hohen Einstiegspreis zumindest teilweise.

Fazit

Ich sehe die Probleme sehr klar: steigende Preise, potenzieller Konsumdruck, ökologische Fragen und die Gefahr, dass das Hobby elitärer wirkt, als es sein sollte. Diese Punkte sollte man nicht kleinreden.

Und trotzdem – ich mag Deluxe-Editionen. Ich mag schönes Material, ich mag wertige Komponenten und ich mag es, wenn ein Spiel auf dem Tisch Eindruck macht. Für Titel, die ich wirklich liebe, gönne ich mir solche Versionen sehr gerne. Aber ich kaufe seit längerem nicht mehr so blind wie noch vor zwei bis drei Jahren. Bei mir sehe ich insbesondere das Big-Box-Dilemma. Ich merke regelmäßig, dass ich einfach spielen möchte, ohne mich vorher überwinden zu müssen.

Ebenso kaufe ich (aktuell) keine Kampagnenspiele mehr, nur weil sie aussehen wie sie aussehen. Haben mich üppige Miniaturenpakete früher magisch angezogen, sind sie heute eher Warnzeichen für Spiele, die ich leider nicht auf den Tisch bekomme. Ausnahmen gibt es natürlich weiterhin, verraten mir S.T.A.L.K.E.R., Puerto Rico Deluxe und einfach alles zu Nemesis.

Entscheidend ist für mich, dass Deluxe eine Option bleibt und kein Zwang wird. Solange es weiterhin reguläre, bezahlbare Editionen gibt, die denselben spielerischen Kern bieten und damit allen Menschen Zugang ermöglichen, stehe ich der Entwicklung offen gegenüber. Manchmal ist weniger halt auch mehr.

Deluxe darf die Kür sein – nicht die Pflicht. Wenn das so bleibt, können von mir aus noch ein paar Metallmünzen mehr klimpern.

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