Dies ist ein Gastbeitrag von Daniel Kießling. Mehr zu ihm am Ende des Artikels.
Der Weltraum. Unendliche Weiten. Wir befinden uns in einer fernen Zukunft. Dies sind die Abenteuer…von euch!
Eckdaten zum Spiel
Titel: Vantage
Autor: Jamey Stegmaier
Illustration: Valentina Filic, Sören Meding, Emilien Rotival
Verlag: Stonemaier Games (Original), Feuerland (deutsche Version für 2026 angekündtigt)
Erscheinungsjahr: 2025
Spieleranzahl: 1-6
Spieldauer: 120-180 Minuten
Altersempfehlung: ab 14 Jahren
Mechaniken: kooperativ, Würfelproben
Komplexität: mittel

Ihr befindet euch auf dem Anflug zu einem unbekannten Planeten zu Beginn des Spiels Vantage. Auf ihm wohnen unterschiedliche Lebensformen, sogenannten „Sentients“. Das lässt sich wohl am besten mit „empfindsame Wesen“ übersetzen. Mit dieser Spezies könnt ihr interagieren und Abenteuer auf dem Planeten erleben.
Mit Landungskapseln erkundet ihr den Planeten und setzt jeweils an einem anderen, zufälligen Ort des Planeten auf. Alle können in der Ego-Perspektive also nur eine kleine Szenerie sehen und dort interagieren. Die Geschichten, Erlebnisse und Begegnungen sind das Sahnestück von Vantage. Anders als in Kampagnenspielen nehmt ihr nichts von Runde zu Runde mit. Ihr landet wieder jedes Mal neu auf dem Planeten und habt keine Gegenstände oder Aufgaben im Gepäck. Nur das Wissen um den Planeten und eventuell bereits besuchte Orte selbst.

Ihr steigt einfach in die Landekapsel und erlebt das nächste Abenteuer. Ein geniales und unkompliziertes Spiel! Damit könnte dieser Artikel auch zu Ende sein. Aber so viel Vantage auch zur Unterhaltung und zum Eintauchen in eine fremde Welt taugt, so habe ich doch einen Aspekt, der mich stört:
Bei Vantage stehen sich das angekündigte rollenspielgleiche Erkunden der Welt und die Spielmechanik gegenseitig im Weg.
Das Problem hängt an zwei Festlegungen der Spielmechanik. Zum einen kann ich in einer Partie an einem Ort immer nur eine der bis zu sechs möglichen Aktionen durchführen. Auch, wenn ich den Ort ein weiteres Mal besuche. Spielmechanisch ergibt das Sinn, um nicht immer zwischen zwei Orten hin- und herzuspringen und alle möglichen Optionen auszuprobieren. Es ist auch in Bezug auf die Immersion stimmig. Wenn ich jemandem bei der ersten Begegnung einen Dolch gestohlen habe, kann ich nicht zurückkommen und ihm den nicht mehr vorhandenen Dolch abkaufen. Zum anderen geht es darum, wie der Ausgang der Aktionen bestimmt wird. Ihr werft normalerweise zwischen ein und sechs Symbolwürfeln. Mehr Würfel bedeuten eine schwierigere Aufgabe. Je nach Symbol passiert nichts oder ihr verliert einen Punkt eurer Attributwerte.
Die Geschichten und Aufgaben sind so spannend, dass ich auch den Ausgang erfahren will. Zumal nie klar ist, ob ich mich in einer weiteren Partie überhaupt nochmal in die gleiche Situation bringen kann. Das Spiel kann auch schneller vorbei sein, als einem lieb ist. Endet es doch, wenn eines der drei Attribute Moral, Gesundheit oder Zeit auch nur eines Mitspielenden auf 0 sinkt.


Um das Ende einer der kleinen Geschichten zu erleben muss ich dann aber entweder sehr gut würfeln oder spielmechanisch „schlau“ spielen. Vantage bietet euch nämlich die Möglichkeit die Symbole zu negieren. Dazu können Würfel auf Begleiter oder Ausrüstungsgegenstände die ihr gesammelt habt, auf bestimmten Feldern ablegt und damit ignoriert werden.
Oft kann ich die Felder aber nur belegen, wenn ich eine bestimmte Probenart mache, beispielsweise „helfen“. Und wenn ich durch eine „helfen“-Aktion einen Gegenstand oder einen Begleiter erhalte, ist der auch wieder meist auf „helfen“ eingestellt. Ihr werdet euch also im Laufe eines Spiels häufig spezialisieren. Das führt dazu, dass im Laufe des Spiels die Aktion an einem Ort oft nicht mehr danach ausgesucht wird, was am spannendsten ist oder was ihr gerne machen wollt. Es wird viel mehr danach ausgesucht, worin ihr gut seid oder bei welchem Aktionstyp ihr die meisten schlechten Würfelergebnisse ignorieren könnt. Das gilt vor allem, wenn ihr bei den Attributswerten gefährlich nahe der 0 seid.
In den meisten Fällen drehen sich die Interaktionen an den einzelnen Ortskarten um die „Sentients“. Ihr wisst wenig bis gar nichts von ihren Gebräuchen, Vorlieben, Ängsten und Verhaltensweisen. Hier könnte man jetzt eine Analogie zum Leben im Hier und Jetzt ziehen. Wie gehe ich mit mir unbekannten Menschen um? Gerade, wenn sie aus einem anderen Kulturkreis stammen? Bin ich freundlich und hilfsbereit und gehe auf die Unbekannten zu oder bleibe ich für mich und erkunde mehr die Landschaft als solche?

Ihr steht also permanent vor der Wahl. Entweder nach euren eigenen Überzeugungen handeln und mit höherer Wahrscheinlichkeit das Spiel beenden und das Ende des gerade begonnenen Weges nie erreichen. Oder doch lieber mechanisch clever spielen und die Geschichte beenden, dafür aber das Spiel die Entscheidungen diktieren lassen.
Schade, dass hier Immersion und Spielziel einerseits so stark verbunden sind und dann doch gegenüberstehen. Vantage macht sehr viel richtig. Aber hier hat es eine große Chance liegen gelassen.
Zu mir:
Daniel Kießling aka „Sepiroth“
Instagram: a_cup_of_boardgames
Bluesky: @sepiroth.bsky.social
Meine Liebste ist wie ein Virus. Sie hat ihr Umfeld und auch mich mit dem Brettspielvirus infiziert und es gibt immer noch keine Heilung für mich. Das Versinken in Strategien und Geschichten mag ich gleichermaßen. Trotzdem bin ich wohl eher ein Eurogamer. Das Fokussieren auf die Aufgaben im Spiel sind für mich Entspannung und lässt mich nicht los.
Vielen Dank Daniel für diesen Beitrag.

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