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Danke! – Oder Jens im Glück

Lange habe ich gehadert, ob ich die folgenden Zeilen wirklich verfassen soll oder nicht. Gründe es nicht zu tun, gibt es schließlich reichlich. Zunächst einmal ist es ein sehr persönlicher Beitrag, bei dem man sich sicherlich fragen kann, ob so etwas nicht eher in ein Tagebuch gehört. Dazu passt meine zweite Sorge, dass dies hier als Selbstdarstellung und dem jagen nach Mitleid oder gar Anerkennung verstanden werden kann, was es definitiv nicht sein soll. Schlussendlich kann man sich dann natürlich noch fragen, welchen Mehrwert ein solcher Beitrag bieten kann.

Aber nein, darum geht es einfach nicht. Ich finde, dass wir gerade in der aktuellen Zeit mehr Optimismus und auch Dankbarkeit benötigen. Wir alle bewegen uns gerade in einer Zeit, in der sich globale Katastrophen, Unsicherheiten und Sorgen aneinander Reihen. Dank Social Media und modernen Medien können bzw. müssen wir quasi in einer 24/7-Live-Schaltung an Kriegen, Aufständen und anderen Geschehnissen teilnehmen. Was vor wenigen Jahren noch als Wegbereiter des Arabischen Frühlings gefeiert wurde, wird heute gerade durch jene Vereinigungen und Personen verwendet, die damals „bekämpft“ wurden. Nicht um Transparenz zu schaffen oder Menschen zu informieren. Nein, das Gegenteil ist der Fall. Faschisten, Populisten und rechte Netzwerke sähen Angst. Angst vor Vielfalt, Toleranz und ja Angst vor Demokratie. Diese Kräfte haben es leider weitaus besser und schneller verstanden, neue Kanäle zu nutzen. Durch beharrliches Lügen, Leugnen und ständiger Präsenz wurden Unwahrheiten zu Tatsachen und Unsägliches zum verbalen Alltag.

Ich möchte an dieser Stelle unbedingt mal Danke an euch alle sagen, denn auch ihr habt mein Leben wieder lebenswert gemacht. Was jetzt übertrieben klingt, ist es nicht. Ich meine es genau so wie ich es schreibe. Idealerweise kann ich dem ein oder anderem damit auch etwas Mut machen. Um dies nachvollziehen zu können, zunächst einmal der vermeidliche Tagebucheintrag, der euch kurz abholt, wo ich stehe.

Ich habe 2003 als durchschnittlicher Schüler mein Abitur gemacht. Nach Abschluss meines Zivildienstes bin ich aufgebrochen, um in Münster Lehramt, u.a. Sport, zu studieren. Fußball, Basketball, Jogging… Alltag. Dann, im Juni 2005, sprang ich in einen Badesee, in dem nachts zu vor einige Betrunkene einen Mülleimer versenkt hatten. Leider war dieser stabiler als mein Genick, welches an diesem Tag brach. Diagnose: Tetraplegie, eine Querschnittslähmung bei der alle vier Gliedmaßen betroffen sind. Mein Leben änderte sich von einer Sekunde auf die nächste. Studium, Hobbies und Alltag. Einfach alles war auf den Kopf gestellt. Lähmungen in Beinen, Körper, Armen und sogar Händen stellten mich vor riesige Herausforderungen und einer ganz neuen Lebensperspektive. Es war an der Zeit eine unausweichliche Entscheidung zu treffen. Wem sollte ich den Mittelfinger zeigen? Dem Leben oder der Behinderung? (Fun Fact: ich kann beides motorisch nicht). Dank meiner großartigen Familie und tollen Freunden war für mich sehr schnell klar, das Aufgeben keine Option ist. Ich kämpfte mich zurück ins Leben, ging 2006 wieder studieren und hab versucht mich so gut es geht wieder selbständig durchs Leben zu bewegen und meine Motorik weiter zu verbessern. Kleiner Downer an dieser Stelle, wir sind leider nicht in Hollywood, wo ich Dank meiner Willenskraft wieder laufen kann oder ähnliches. Nein, in der echten Welt sieht es leider so aus, dass eine komplette Querschnittslähmung weiterhin unheilbar ist. Ich brauche ständig Hilfe und bin bei vielen alltäglichen Handlungen eingeschränkt. Ob Reisen, Kochen oder Konzertbesuche, alles muss genau geplant werden und überall trifft man auf Barrieren. Ja, selbst der Gang zur Toilette benötigt Hilfe.

Und genau an dieser Stelle, habe ich für mich entschlossen, meine Perspektive zu wechseln. Es wäre ein leichtes, die große Keule rauszuholen und all dies anzuprangern und zu bedauern, was alles nicht mehr geht. Aber diese Dinge werde ich dadurch am Ende des Tages auch nicht machen können. Das heißt natürlich nicht, dass ich mich über diese Dinge nicht ärgere oder ich nicht trotzdem oft traurig bin, weil ich vieles nicht mehr machen kann. Aber ich habe mich aktiv dazu entschlossen, mich auf das zu fokussieren, was halt doch noch geht. Heute fahre ich Auto, gehe nach erfolgreichem Studium Vollzeit arbeiten und fahre mit dem Handbike Strecken jenseits der 50 km. All das war viel Arbeit und hat viel Kraft gekostet, aber vor allem war es möglich, da ich die richtigen Menschen um mich herum hatte, die immer da waren. Ebenso gehört zur Wahrheit, dass ich riesiges Glück hatte, in einem finanziell abgesicherten Umfeld zu leben. Dieser Aspekt spielt sowieso eine Rolle, aber glaubt mir, habt ihr eine Behinderung, gilt dies umso mehr…leider! Deshalb weiß ich, dass ich hier wirklich privilegiert bin und dafür bin ich so dankbar.

Eine Leere blieb aber bestehen. Ein erfüllendes Hobby. Handbike fahren bereitet mir echt Freude und sorgt für etwas körperlichen Stressabbau. Tischtennis habe ich lange mit Freude gespielt und auch „passive“ Leidenschaften wie Filme und Musik machen mir Spaß. Mir fehlte aber einfach etwas, bei dem ich auf Augenhöhe agiere, wo meine Behinderung im Grunde keine Rolle spielt. Vielleicht sogar etwas, wo ich mich messen konnte ohne Sonderbehandlung oder Mitleid, wie es z.B. beim Tischtennis der Fall war. Da sind wir auch bei einer meiner eingangs beschrieben Sorgen. Es ist halt eben nicht so, dass ich Mitleid oder Anerkennung wünsche. Ich wünschte mir, in der Masse unterzugehen ohne Sonderstatus. Ich hatte zu dieser Zeit, dass Gefühl zu funktionieren, aber halt auch immer irgendwie Ballast zu sein, da nicht nur ich eingeschränkt war, sondern ich auch andere eingeschränkt habe. Viele Menschen haben aus Rücksicht auf Dinge verzichtet. Ich weiß, dass sich diese Menschen oft bewusst dazu entscheiden, dennoch ist damit immer etwas schlechtes Gewissen verbunden.

Irgendwann vor ca. zehn Jahren dann der befreiende Gedanke. Auch zu dieser Zeit habe ich schon gerne und relativ viel gespielt. In meiner kleinen Spielerunde lösten Village und Tolkien gerade Catan, Carcassonne und Dominion als Dauerbrenner ab. Wieder war es eine bewusste Entscheidung, die mich im Leben weiter und in diesem Fall dem Glück näher brachte. Ich machte eine meiner Freizeitbeschäftigungen zu meinem Hobby, was schnell zu einer Leidenschaft führte. Ich hatte etwas gefunden, dass mir echte Freude bereitet und bei dem meine Einschränkungen nahezu egal waren. Schnell waren digital Kontakte geknüpft und Brettspielen war mehr als das reine Spielen. Austausch, Messen und Sammelei wurden alltäglicher Bestandteil. Bei uns im Ort und im Freundeskreis gab es Spieler, aber nur sehr eingeschränkt in diesem Ausmaß.

Relativ schnell war klar, ich möchte ein überregionales Spielewochende besuchen. Kurz vor Beginn passierte dann etwas, was mich selbst überraschte. Ich wurde nervös. Ich hatte Angst wie all diese fremden Menschen reagieren würden. Wie würden die Reaktionen auf einen Rollstuhlfahrer mit krummer Körperhaltung und fehlender Handfunktion ausfallen? Gaffen? Weggucken? Tuscheln? Dann war es soweit. Die Türen öffneten sich, ich trat ein und es passierte genau nichts. Ich war einfach inmitten von Menschen, die in mir nichts weiter sahen als einen weiteren Mitspieler. Drei Tage war ich das, was ich sein wollte, einer von vielen. Alle waren hilfsbereit, ohne dass ich das Gefühl von Schuld, Verpflichtung oder – schlimmer noch – Mitleid zu vermittelt bekam. Ja, beim Auf- und Abbau eines Spiels kommen diese Ballastgefühle kurz auf, aber ich bemühe mich auch dort, so gut es geht zu helfen.

Vergleichbar verlief eigentlich jede Veranstaltung innerhalb unseres Hobbys, egal ob Spieltage oder Messen. Dieses Gefühl angekommen zu sein, ist so wertvoll. Und das passiert nicht aus Versehen oder per Zufall, sondern durch die Menschen, die dieses Hobby mit Leben füllen. Menschen, die nicht nur durch das Spielen verbunden sind. Immer wieder bemühen sich Menschen, die Themen Inklusion, Gleichbehandlung und Diskriminierung aufzuarbeiten. Dies nicht nur in Bezug auf Einschränkungen, sondern auch in Hinblick auf Diversität oder historische Verfehlungen. Toleranz ist ein ganz zentraler Eckpfeiler unserer kleinen Gemeinschaft. Auch wenn ich nicht explizit aus der Sicht eines beispielsweise queeren oder ausländischen Menschen sprechen kann, habe ich schon den Eindruck, dass für sie ähnliches gilt.

Mir ist bewusst, dass es immer etwas zu verbessern gibt und auch wir Luft nach oben. Dass es stetige Bemühungen gibt, zeigen viele Diskussionen, die man beispielsweise in den verschiedenen Foren im Discord oder bei Spielebesprechungen verfolgen kann. Oftmals wird zurecht kritisiert, manchmal überzogen gemeckert. Die Diskussion ist sehr überwiegend von Respekt geprägt und bietet einen echten Mehrwert. Aber zwischendurch tut es vielleicht mal gut, durchzuatmen und einen Schritt nach hinten zu gehen, um das Gesamtbild zu betrachten, denn das ist es wert und bietet einen schönen Anblick. Denn ihr, die Menschen dieses Hobbys, seid großartig. Es ist doch super, was in diesem Hobby passiert und wie tolerant der Umgang ist. Klar, wir können natürlich meckern, dass ein Puerto Rico schwarze Steine als Arbeiter auf den Baumwollplantagen nutzt oder Endeavor – Segelschiffära den Einsatz von Sklaven ermöglicht. Aber noch mehr sollten wir uns freuen, dass es die Neuauflagen eben nicht mehr tun. Eben darüber, dass auch Verlage und Designer nicht stehenbleiben und versuchen, so weltoffen zu arbeiten, wie es die Themen zulassen. 

Das alles ist ein fortlaufender Prozess, der wahrscheinlich nie endet, da sich die Gesellschaft auch stetig weiterentwickelt. Und manchmal braucht es etwas Zeit und Geduld, bis Entwicklung verinnerlicht sind. Simples Beispiel bei mir selbst ist die Verwendung des generischen Maskulinums. Ich versuche dieses zu vermeiden, habe das aber über 30 Jahre wie selbstverständlich verwendet. Ist es nicht allzu menschlich, dass dies immer mal wieder durchrutscht, ohne jegliche Absicht der Diskriminierung? Ähnliches gilt auch für so Aussagen wie „Bist du behindert?“. Natürlich völlig unangemessen. Aber eine kurze Antwort a la „Ja, zu 100%“ hilft da weitaus mehr als die Person zu verurteilen. Entwicklungen brauchen Zeit.

Ich für meinen Teil wünsche mir, dass wir weiterhin eine Gemeinschaft sein werden, in der jeder willkommen ist, unabhängig des Geschlechts, der sexuellen Identität, der Herkunft oder was auch immer. Die Grenze sollten wir nur dort setzen, wo Menschen eben dazu nicht bereit sind, denn das ist einfach so 1939. Achtet aufeinander und setzt euch für Toleranz ein, denn das ist ein echtes Faustpfand unseres Hobbys. Macht euch dessen bewusst, denn nur, weil es viele Mahner und auch noch viele Ansatzpunkte gibt, heißt das nicht, dass es nicht gut läuft. Ich jedenfalls fühle mich pudelwohl und so herrlich durchschnittlich.

Wie seht Ihr das? Habt ihr ähnliche Erfahrungen gemacht? Oder empfindet ihr das sogar gänzlich anders?

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