Umgekehrtes Siedeln für Experten
Eigentlich habe ich die Küsten ja gut gesichert: zwei Präsenzen und ein paar Bewohner, die zurückschlagen sollen. Außerdem habe ich die passende Karte für die Verteidigung des Küstenstreifens auf der Hand. Aber zu früh gefreut – die nächste Ereigniskarte wirbelt die Karte kräftig durcheinander; die Invasoren überrennen die Insel förmlich und ziehen so viele Städte im Küstenbereich hoch, dass die Niederlagebedingung getriggert wird. Game Over!

So kann eine Partie Spirit Island aussehen. Die Invasoren haben sich über ihre Städte an der Küste bis ins Hinterland ausgebreitet und den verteidigenden Geist besiegt.
Und genau dieser unvorhersehbare Spielverlauf macht unter anderem den Reiz des Expertenspiels aus, so dass die Spieler die Insel wieder und wieder verteidigen möchten. Neugierig geworden? Dann werfen wir gemeinsam einen Blick auf das Spiel.
Die Eckdaten
Titel: Spirit Island
Autor: R. Eric Reuss
Verlag (D): Pegasus
Erscheinungsjahr: 2017
Spielerzahl: 1-4 (1-6 mit Erweiterung)
Spieldauer: 60 – 180 Minuten
Zielgruppe: Experten
Preis: 69,99 € (UVP)
Mechanismen: Area Control, Deckbuilding
Erweiterungen: Ast und Tatze, Zerklüftete Erde, Natur Erwacht und diverse Geister

Das Spielprinzip
Bei Spirit Island schlüpfen wir in die Rolle eines von zahlreichen Geistern, die eine fiktive Insel vor Invasoren schützen sollen. Was zunächst relativ simpel klingt, ist ein hochkomplexes Expertenspiel mit unglaublicher Spieltiefe.
Der Spielablauf ist dabei immer gleich: Zunächst sind die Geister am Zug. In der Wachstumsphase entscheiden sich die Spieler für eine von mehreren Geisteraktionen. In dieser Phase breiten sich die Geister auf der Insel aus, indem sie Präsenzen in unterschiedlichen Gebieten platzieren oder sie erhalten neue Fähigkeiten. Durch das Ausbreiten auf der Insel werden die Geister zunehmend stärker. So erhalten sie mehr Energie und können somit im Laufe des Spiels immer mehr und stärkere Fähigkeitskarten ausspielen. In der Wachstumsphase wählen die Spieler außerdem eine oder (später) mehrere Fähigkeitenkarten, die sie später in der Runde ausspielen möchten. Mit den Fähigkeiten können die Geister sich gegenseitig unterstützen, die Insel aktiv verteidigen oder ihre speziellen Geisterfähigkeiten triggern. Das Besondere dabei: Die Fähigkeiten können entweder sofort oder erst nach dem Zug der Invasoren ausgeführt werden, was eine genaue Planung erforderlich macht.



Danach sind dann die Invasoren am Zug. In jeder Runde kommen neue Eindringlinge auf der Insel an, sie bauen Dörfer oder Städte und wüten in Gebieten, in denen sie zuvor gebaut haben. Durch geschickte Planung müssen die Geister versuchen, den Schaden so gering wie möglich zu halten. Denn wenn die Invasoren zu viel Schaden anrichten, verwüsten sie die Insel und ab einem gewissen Punkt ist der Schaden so groß, dass die Insel zerstört ist und die Spieler verlieren. Außerdem gibt es – je nach gewähltem Schwierigkeitsgrad und Gegner – weitere Niederlagebedingungen.
Um zu gewinnen müssen die Spieler die Insel also effizient verteidigen. Je mehr Invasoren vernichtet werden, desto ängstlicher werden diese. Dies spiegelt das Spiel in einem Stapel mit Furchtkarten wider. Die Geister verbreiten mit ihren Aktionen Angst und Schrecken unter den Invasoren und sammeln Furchtpunkte. Regelmäßig werden durch diese Punkte Furchtkarten freigespielt, die zusätzliche Effekte triggern und den Invasoren schaden. Schaffen es die Geister, alle Furchtkarten freizuspielen, haben sie gewonnen. Außerdem gewinnen die Geister, wenn sie es schaffen, die Insel komplett zu säubern, bevor der Invasorenstapel komplett durchgespielt ist. Das ist allerdings beides gar nicht so einfach.
Die Erweiterungen
Spirit Island ist durch die vielen Erweiterungen sehr komplex und abwechslungsreich. Bisher sind bei Pegasus drei große Erweiterungsboxen erschienen, die das Spiel auf unterschiedliche Art erweitern. So ergänzt „Ast und Tatze“ das Spiel um Ereigniskarten und Tokens, die das Spiel noch variabler machen. Diese Erweiterung ist auf jeden Fall empfehlenswert, weil die neuen Elemente den Wiederspielwert noch einmal erhöhen. „Zerklüftete Erde“ führt eine weitere Tokenart ein, bietet sonst aber schwerpunktmäßig mehr Geister und Gegner, außerdem lässt das Spiel sich damit zu sechst spielen. Diese Erweiterung ist für Spieler interessant, die schon viele Stunden des Grundspiels gespielt haben und sich noch mehr desselben wünschen. Die Erweiterung „Natur erwacht“ richtet sich an absolute Spirit Island Experten und führt noch einmal neue Spielmechaniken und Geister ein. Neben den großen Erweiterungen gibt es auch noch etliche Promo-Geister, die einzeln gekauft werden können.


Fazit: Eine Soloperle, die auch im Multiplayer Spaß macht
Mich begleitet Spirit Island bereits seit fünf Jahren und ist eines meiner absoluten Lieblingsspiele. Die verschiedenen Geister sind sehr liebevoll gestaltet und so verschieden, dass es einfach nicht langweilig wird. So mache ich mit dem „Hunger des Ozeans“ die Küsten unsicher, bereite mit dem „Hoch aufragenden Vulkan“ mächtige Lavaeruptionen vor oder versetze die Invasoren mit dem „Boten der Albträume“ in Angst und Schrecken. Im Multiplayer gilt es außerdem, Synergien zwischen den einzelnen Geistern zu finden und geschickt zu nutzen. Aber Spirit Island ist auch ein hervorragendes Solospiel und lässt sich super alleine spielen.
Außerdem spielen sich auch die Gegnernationen sehr unterschiedlich und erfordern ganz unterschiedliche Strategien und Herangehensweisen. Zusammen mit einer großen Anzahl an Szenarien, die das Spiel ebenfalls stark verändern können, ist Spirit Island wahrscheinlich das Spiel mit der höchsten Varianz und dem größten Wiederspielwert in meiner Sammlung.


Allerdings hat Spirit Island auch eine große Hürde und das ist das Erlernen der Regeln. Diese sind kleinteilig und komplex, so dass es eine Weile dauert, bis man die vielen Regeln verinnerlicht hat. Die Anleitung ist okay, aber sehr umfangreich. Hier ist es auf jeden Fall empfehlenswert, sich eines der zahlreichen Youtube-Tutorials anzusehen und parallel zu spielen.
Im Grundspiel wird empfohlen, für die ersten Partien einen der vier Geister mit geringer Komplexität zu wählen und die Fertigkeiten aus einem vorgefertigten Set auszusuchen. Davon rate ich ab. Das Auswählen der passenden Fertigkeiten ist einer der Kernmechanismen des Spiels und die Einschränkung hier führt eher zu Frust. Besser ist es, sich an den bevorzugten Elementen des gewählten Geistes zu orientieren. So bekommen auch neue Spieler schnell ein Gespür dafür, mit welchen Fertigkeiten sie ihren Geist effektiv stärker machen.
Wer sich jedoch die Mühe macht, die Regeln zu lernen, darf sich auf unzählige spannende Partien freuen. Daher: eine klare Empfehlung!
✔ Stärken:
✅hoher Wiederspielwert
✅interessantes Thema
✅liebevolle Gestaltung
✅unendlich variabel
❌ Schwächen:
⛔schwieriger Einstieg
Gesamtbewertung (max. 5 Sterne):






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